Die letzten Europäer – Jüdische Perspektiven auf die Krisen einer Idee (2022)

Herausgegeben von: Felicitas Heimann-Jelinek, Michaela Feurstein-Prasser und Hanno Loewy

220 Seiten – mit 80 Abbildungen

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Geschichte

Im Winter 2020, in Vorarlberg, einige Wochen vor dem ersten Lockdown, stand ich an einem jener Wendepunkte, die man sich nicht aussucht, die aber trotzdem kommen. Mein Körper hatte aufgrund chronischer Schmerzen beschlossen, dass mein alter Beruf als Servicetechniker endgültig passé ist, und ich war noch in der Schweiz gemeldet, während mein Alltag in Hohenems längst auf Notbetrieb lief. Und dann saß ich – eine merkwürdige Mischung aus erschöpft, trotzdem neugierig aber ziemlich ratlos – plötzlich im Ausbildungszentrum BBRZ in Götzis. Ein Ort, an dem Menschen neu anfangen, weil ihr Leben auf Grund Schicksalen, Unfällen oder Krankheiten eine Kurve genommen hat, mit der sie nicht gerechnet haben.

Und wie es bei mir oft läuft, führte diese Kurve nicht nur in eine neue Ausbildung, sondern direkt in eines der beeindruckendsten Häuser dieses Landes: das Jüdische Museum Hohenems. Drei bis vier Tage die Woche, über zwei Jahre hinweg, durfte ich dort in ein Universum eintauchen, das mir zeigte, wie Geschichte, Gegenwart und Verantwortung ineinander greifen – und wie dringend wir manchmal Orte brauchen, die uns wachrütteln.

Als ich dort im Oktober im Jahr 2021 ankam, lief die Ausstellung „Die letzten Europäer“ gerade aus. Ein Titel, der damals schon eine unheimliche Aktualität hatte. 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte das Museum – gemeinsam mit dem Volkskundemuseum Wien und dem Jüdischen Museum München – einen Debattenraum eröffnet über die Frage, was aus dieser sogenannten europäischen Idee eigentlich geworden ist. Und welche jüdischen Erfahrungen, Hoffnungen und Traumata einst in ihrem Fundament steckten.

Die Ausstellung erzählte vom Wachsen eines neuen Nationalismus, von politischen Phantasien eines „christlich-jüdischen Abendlandes“, das plötzlich gegen Migrant*innen in Stellung gebracht wird. Von Egoismen, die das europäische Friedensprojekt bedrohen, und zugleich vom verzweifelten Ringen um Solidarität. Europa erschien hier nicht als Gebäude aus Marmor, sondern als etwas Verletzliches, Brüchiges, Zusammengesetztes – ein Möglichkeitsraum, der jüdisch geprägt war und ist, und dessen Zukunft von unserer Aufmerksamkeit abhängt.

Und dann war da dieses eine Bild. Ein großes, ruhiges, fast monochromes Blau. Ich wusste nicht, wofür es stand, und genau das war vielleicht der Punkt. Für mich war es das Bild der Ertrinkenden. Derjenigen, die versuchen, Europa zu erreichen, aber nie ankommen. Keine Zahlen, keine Schlagzeilen – Menschen, die verschwinden, während wir uns darüber streiten, ob ihre Geschichten unser Europa „belasten“.

Dass gerade in einer Ausstellung über die Krisen Europas ein solches Bild in mir am stärksten blieb, wundert mich rückblickend nicht. Europa ist längst kein selbstlaufendes Projekt mehr. Es ist ein Raum voller Risse, durch die Licht fällt – aber eben auch Wasser.

Der dazugehörige Band „Die letzten Europäer“ versammelt Stimmen, die diese Risse nicht nur zeigen, sondern erklären. Aleida Assmann, Daniel Cohn-Bendit, Ulrike Guérot, Gerald Knaus, Doron Rabinovici und viele andere versuchen hier, das europäische Projekt zu verstehen, seine Schlüsselfiguren, seine Visionen, aber auch seine Demontage. Man liest von Katastrophen und Initiativen, von Protagonist*innen und ihren Gegnern, und ganz nebenbei merkt man, dass Europa immer eine fragile Erzählung war – und immer auch eine jüdische.

Dass wir dieses Buch jetzt bei revaLoops im Shop haben, fühlt sich für mich ein bisschen an, als würde ein Kreis leise, aber bestimmt schließen. Damals, im Museum, war ich gerade dabei, mein Leben neu zu sortieren. Heute darf ich mit meinen dicken Freunden tOmi Scheiderbauer und Raimund Lebner ein Projekt führen, das sich selbst der Frage stellt: Was tragen wir weiter? Welche Werte? Welche Geschichten? Welche Verantwortung?

Und trotzdem, ein bisschen Humor gehört auch dazu. Denn Europa ist ja manchmal wie eine WG, in der alle gleichzeitig Recht haben wollen, keiner den Müll runterträgt und trotzdem alle dauernd über Freiheit reden. Aber genau deshalb lohnt es sich hinzusehen. Sich einzumischen. Sich nicht in den eigenen vier Wänden einzurollen, sondern zu sagen: Wir können das besser.

„Die letzten Europäer“ ist kein Buch für Menschen, die Antworten suchen. Es ist ein Buch für Menschen, die bereit sind, Fragen auszuhalten. Für Menschen, die Europa nicht als Schicksal sehen, sondern als Aufgabe. Und vielleicht auch für jene, die ahnen, dass Geschichten uns verändern können – manchmal gerade dann, wenn unser Leben selbst eine neue Richtung nimmt.

Dieses Buch begleitet mich seither. Und ich freue mich, wenn es vielleicht auch dich begleitet.

chizzi

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