07/12/2025 chizzi

GRAZ, NACHTSTUNDEN UND MENSCHENRECHTE

7. Dezember 2025

Soeben habe ich eine Wohnung gemietet. Kurzfristig, aber sehr entschlossen.

Es war einfach an der Zeit, meine Welt wieder größer werden zu lassen. Urbaner. Vielseitiger. Bunter. RevaLoops und ich, ich und revaLoops, brauchen Stadt, brauchen Begegnung, brauchen das Dichte und Vielschichtige eines urbanen Umfelds. Und nach einem Jahr am Land war es für mich höchste Zeit, diese Veränderung aktiv einzuleiten.

Dazu war ich immer ein Mensch der Nachtstunden, weil genau dann – wenn alles endlich still wird und die Welt für ein paar Stunden aufhört, etwas von einem zu wollen – jener Raum aufgeht, in dem Gedanken nicht nur auftauchen, sondern sich endlich ausbreiten dürfen, bis sie Gestalt annehmen. Es ist die Zeit, in der Lesen, Denken und Arbeiten fast wie ein einziger Zustand werden, in der sich vieles von dem, was tagsüber untergeht, plötzlich meldet und gesagt werden will. Und oft bringe ich in diesen Nächten mehr weiter als im ganzen restlichen Tag, weil ich dort das Gefühl habe, ungestört die Richtung vorzugeben, in Bewegung zu kommen, Dinge in meine Welt zu holen, die mir wichtig sind – genau dort, zwischen Ruhe, Klarheit und diesem leisen inneren Drive, der mich seit jeher antreibt.

So auch meine Arbeit mit den 30 Menschenrechten.

Die Beschäftigung mit den Menschenrechten über so viele Monate hinweg – dieses ständige Lesen, Prüfen, Nachspüren – hat mich stärker verändert, als ich es anfangs vermutet hätte. Man denkt, man kennt sie, diese dreißig Artikel, aber wenn man sich ernsthaft mit ihnen auseinandersetzt, merkt man, dass sie viel weniger selbstverständlich sind, als wir glauben. Und genau dort taucht auch immer wieder dieser schmale Grat auf, zwischen Positionierung und Polarisierung der mich seit so langer Zeit schon beschäftigt: Wo fängt Verantwortung an, wo artet sie in Übertreibung aus, und warum wird eine klare Haltung so oft schon mit Spaltung verwechselt?
Ich erlebe uns als Gesellschaft – und mich selbst eingeschlossen – oft viel zu leise, wenn Lautstärke notwendig wäre, viel zu zögerlich und feig, wenn Klarheit gefragt wäre. Während Antidemokraten in manchen Regionen, in Bundesländern, in Deutschland wie in Österreich, längst die Vierzig-Prozent-Marke erreichen, rutschen viele Demokrat:innen in eine Art sanfte Schockstarre. Gleichzeitig beobachte ich, wie sich immer mehr Menschen zurückziehen: ins Private, ins Kleine, ins Bequeme, ins Selbstoptimierte.
Während man gleichzeitig groß davon spricht, dass alle Menschen gleich sind und dieselben Rechte verdienen, passiert in der realen Welt das Gegenteil: Das Globale, die internationale Verwebung wird ausgeblendet, verdrängt, weggeschoben.

Für mich wird immer klarer, dass wir als Menschheit nur dann funktionieren werden, wenn wir uns als Ganzes begreifen. Nicht als Einzelne, nicht als abgeschottete Gruppen, Orte oder Länder, sondern als Teil eines globalen Gefüges, in dem die Rechte des einen nicht auf Kosten des anderen entstehen dürfen. Und an diesem Punkt frage ich mich zunehmend, was wir eigentlich wollen: Wollen wir ewige Instandhaltung des Gleichen? Auch des ewig gleichen Lebensmodells? Das ewige Reparieren eines Systems, das uns zwingt, den “Vater Staat” zu schützen, während wir zugleich “Mutter Natur” genau damit vernichten?
Wollen wir weiterhin die Sicherheit der Routine auf ständigen Kosten anderer? Oder nicht doch die Unsicherheit der Veränderung die erreichen könnte, dass es für alle Menschen besser wird? Also tatsächlich neue Modelle – gesellschaftlich, wirtschaftlich, politisch –, die den Planeten und die Menschen, die auf ihm leben, wieder wertschätzen?

Ich denke seit Jahrzehnten darüber nach, wie viel sinnvoller Gespräche unterm Weihnachtsbaum wären, wenn sie nicht über Müll in Verpackungsmüll geführt würden, nicht darüber, ob die Beilagen des 2. Menü-Gangs nicht ganz ausgewogen sind, sondern darüber, dass wir hier zu einer winzigen Minderheit gehören, die alle dreißig Menschenrechte besitzt. Dass wir dieses Privileg nicht nur haben, sondern tagtäglich leben dürfen. Und dass Bewusstsein dafür, mehr verändern könnte als jede Weihnachtsgans. Ich würde sogar soweit gehen, dass im Verständnis darüber, man sämtliche Neujahrsrituale beim Fenster rauswerfen könnte, sondern den ersten unumkehrbaren Schritt – den jeder in sich weiß und kennt, den man seit Ewigkeiten beginnen wollte, einfach sofort setzt. Niemand würde es je bereuen.

Vielleicht fällt mir auch deshalb immer wieder auf, dass die Idee von revaLoops nur in genau so einer freien Welt und mit so einer Denke überhaupt möglich ist. In einer Welt, in der man scheitern darf, ohne vernichtet zu werden. In der man seine Ideen und Träume verwirklichen darf, Risiken eingehen darf, weil selbst ein ökonomisches Scheitern in Ländern wie Österreich kein endgültiger Fall ist.

In vielen Teilen dieser Erde wäre revaLoops nicht einmal als Gedanke erlaubt, geschweige denn als Tun. Auch das ist Menschenrecht: zu versuchen, zu verändern, neu zu beginnen, weiterzugehen. Deswegen gehört alles zusammen – die Nachtstunden, die Menschenrechte, die Frage nach globaler Verantwortung, das Bedürfnis nach Veränderung, die Sehnsucht nach einer Welt, die größer denkt als ihr eigenes Wohnzimmer und ihr eigenes Umfeld. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem ich mich heute wiederfinde: zwischen Hoffnung und Realität, zwischen Mut und Anpacken, aber vor allem dort, wo Bewegung sichtbar, spürbar und auch etwas Kämpferisches hat – weil Stehenbleiben echt keine Option mehr ist.

Mit heute ist auch unser zweites Menschenrechtsplakat im Sortiment – ein Stück Arbeit voller Farben, Klarheit und unzähligen Stunden an Austausch, Diskussion und gemeinsamer Leidenschaft. Wir freuen uns immens, es nun im Shop zu haben. Danke, tOmi. Danke hage. Danke an alle Mitstreiter:innen, Unterstützer:innen und Kämpfer:innen da draußen. Machen wir weiter. Dann geht’s schon irgendwie – und vielleicht sogar besser, als wir denken.

Euer chizzi