08/03/2026 chizzi

Frau, Leben, Freiheit – ژن، ژیان، ئازادی – Jin, Jiyan, Azadî – Woman, Life, Freedom

Ich bin heute, am 08.03.2026, bereits um 03:00 aufgewacht und musste schreiben.

Ich war von Anfang an dort. Nicht erst, als der Zug schon in Bewegung war, nicht erst, als die Slogans laut wurden und die Schilder sich wie eine zweite Stadt über die Köpfe erhoben, sondern schon in jenem Moment, in dem sich eine Demonstration erst bildet, wenn die Menschen langsam eintreffen, wenn sie aus Nebengassen, aus Straßenbahnen, aus Zügen, aus Gesprächen, aus ihren Leben heraus auf einen Platz strömen und für einige Stunden zu etwas Gemeinsamen werden. Ich bin um den Treffpunkt herumgegangen, nach außen, nach innen, habe mir die Gesichter angesehen, die Gruppen, die unsicheren ersten Schritte mancher, die Entschlossenheit anderer, die Wärme, die in einer Menge entsteht, wenn sie weiß, warum sie da ist.

Und ich wusste sehr genau, warum ich da war. Für mich ist es keine modische Pose, rund um die Themen der Zeit, wie auch dem Weltfrauentag, auf die Straße zu gehen. Es ist beinahe eine logische Konsequenz aus dem, was ich in meinem eigenen Leben gehört, gesehen und in meiner Nähe mitgetragen habe und mittragen musste. Schon als Jugendlicher habe ich von einem traumatischen Vorfall in der eigenen Familie erfahren. Eine nahe Person wurde Opfer von jahrelanger sexueller Gewalt. In meiner Jugend erzählten mir ein Freund und eine Kollegin unabhängig voneinander, dass sie von männlichen Familienmitgliedern missbraucht worden waren. Später hörte ich, wie so viele andere Männer, weitere Geschichten, viel zu viele Geschichten, in denen Gewalt gegen Frauen nicht irgendwo weit weg stattfand, sondern in Wohnungen, in Familien, in Beziehungen, in der Nähe, im sogenannten ganz normalen Leben. Und erst vor kurzem habe ich wieder in der eigenen Familie jemanden begleitet, der sich von einem gewalttätigen Mann lösen musste.

Wenn man all das kennt, dann geht man nicht nur aus Pflichtgefühl auf eine Demonstration. Man geht, weil man weiß, dass die Welt nicht in Ordnung ist, und weil Schweigen nicht viel weniger Unrecht ist als die Taten selbst.

Was mich in Graz berührt hat, war zuerst die Zahl, dann aber noch mehr die Qualität dieser Zahl. Viele tausend Menschen. Sehr viele junge Frauen. Sehr viele junge Menschen überhaupt. Und auch viele junge Männer, die nicht im Mittelpunkt stehen wollten, sondern solidarisch mitgingen. Das war für mich das schönste Bild dieses Tages: diese junge Entschlossenheit, dieser unaufgeregte, selbstverständliche Wille, sich den öffentlichen Raum zu nehmen und zu sagen, dass Freiheit nicht erbettelt, sondern gelebt werden muss.

Gerade in einer Zeit, in der so viel von Rückschritt, Zynismus und Ermüdung die Rede ist, war das ein Gegenbild. Und doch hatte diese Schönheit einen Schatten. Denn was auffiel, war auch, wer fehlte. Die Tätergruppe war nicht wirklich da. Junge Männer sah man viele, aber jene Männer, die statistisch gesehen den Großteil der Gewalt gegen Frauen ausüben, sah man kaum: Männer meines Alters und ältere Männer. Die verfügbaren Daten sind in dieser Frage unerquicklich klar. In Österreich haben laut Statistik Austria 34,5 Prozent der Frauen zwischen 18 und 74 Jahren seit dem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt; 16,4 Prozent erlebten körperliche und/oder sexuelle Gewalt in intimen Partnerschaften, und 36,9 Prozent psychische Gewalt durch Partner oder Ex-Partner. Polizeilichen Schätzungen zufolge werden rund 90 Prozent der Gewalttaten in der Familie und im sozialen Nahraum verübt. Auch die europäische Erhebung der Grundrechteagentur zeigt: Etwa jede dritte Frau in der EU hat im Lauf ihres Lebens körperliche, sexuelle oder entsprechende Bedrohungsgewalt erlebt; in Österreich liegt dieser Wert mit 35,7 Prozent sogar darüber. Nur ein kleiner Teil meldet die Gewalt bei der Polizei oder sucht institutionelle Hilfe.  Das heißt in der bitteren Übersetzung des Alltags: Die Gefahr trägt in den allermeisten Fällen kein fremdes Gesicht. Sie sitzt nicht im dunklen Park, sondern am Küchentisch, im Schlafzimmer, im Handyverlauf, im Schweigen nach einem Streit, im Satz „So schlimm war es doch nicht“, im Drängen, im Kontrollieren, im Drohen, im Zuschlagen, in der Angst vor dem Heimkommen.

Genau deshalb war jener Moment auf der Demo so erschütternd, als eine Sprecherin fragte, wer in seinem nahen Umfeld einen Fall kenne, in dem eine Frau Opfer von Gewalt wurde. Fast alle Hände gingen hoch. Zumindest dort, wo ich stand, sah ich kaum jemanden, der nicht aufzeigte. Und als danach gefragt wurde, wer diese Frau dann auch begleitet habe, Anzeige zu erstatten oder Hilfe zu holen, blieben nur noch wenige Hände oben. In diesem kurzen Augenblick lag mehr Wahrheit als in tausend Sonntagsreden. Fast alle wissen davon. Nur wenige greifen ein. Fast alle kennen das Problem. Nur wenige nehmen die Zumutung auf sich, wirklich Teil einer Lösung zu werden. Das war einer der bedrückendsten Momente dieses Tages, und vielleicht bleibt er mir gerade deshalb so stark im Kopf, weil er zeigte, wie nahe das Problem ist und wie weit der Mut noch immer oft entfernt bleibt. Und das, obwohl wir nicht in Russland oder im Iran leben, sondern in einem Land in dem wir die Möglichkeiten hätten.

Der Standard (Colette M. Schmidt, 7. März 2026, 23:05) hat den Ablauf und die Stimmung dieser Demonstration, wie ich finde, ziemlich gut eingefangen, aber noch aufschlussreicher als der Bericht selbst waren die Kommentarspalten darunter. Dort – stand das alte Chorstück männlicher Verharmlosung wieder in voller Besetzung bereit:

„Wo würden Frauen in Österreich denn noch diskriminiert? Ob das nicht alles übertrieben sei? Ob man nicht andere Sorgen habe? Ob das nicht bloß Ideologie sei?“

Genau diese Kommentare sind ein Teil des Problems, weil sie sich für Nüchternheit halten und in Wahrheit nur eine gepflegte Form des Wegsehens sind. Denn die Zahlen sind da, die Erfahrungen sind da, die Toten sind da, die Angst ist da, und trotzdem gelingt es manchen Männern noch immer, sich wie beleidigte Zuschauer einer Wirklichkeit aufzuführen, an der sie selbst in keiner Weise beteiligt seien.

Österreich ist ein Land, in dem ich nicht ungerne lebe. Wegen seiner Musik- und Kulturlandschaft, wegen der Nähe zu Italien, wegen Wien, wegen Graz, wegen dieser Möglichkeit, in wenigen Stunden zwischen Stadt, Berg, Kultur und Süden zu wechseln. Aber ich sehe eben auch mit wachsendem Zorn, in welche politische Richtung wir uns bewegen, besonders in der Steiermark, in dieses blau-schwarze Gemisch aus Ressentiment, Härtepose und provinzieller Selbstüberschätzung. Und ja, es sind wieder sehr oft Männer meiner Generation und darüber, die sich an diese blaue Erlösungsfantasie hängen, als würde ausgerechnet die Partei des autoritären Grolls die Probleme unserer Zeit lösen. Ich halte das mittlerweile für erbärmlich.

Nicht weil ich jede politische Differenz moralisch abräumen möchte, sondern weil es unerquicklich viele Männer gibt, die bei Frauenrechten, bei Gleichstellung, bei Gewaltprävention, bei Solidarität sofort spöttisch, gereizt oder abwehrend werden. Als sei schon das Zuhören eine Zumutung. Als wäre jedes klare Wort über Gewalt gegen Frauen ein Angriff auf ihr gekränktes Selbstbild.

Und doch war dieser Tag für mich nicht ein Tag des Zorns, sondern auch ein Tag der Beobachtung, der Differenz, der Hoffnung. Ich habe mich in den ruhigeren Reihen wohler gefühlt, bei jenen Gruppen, die nicht alles sofort in ein Parteischauspiel verwandelten, sondern die Wucht des Themas in sich trugen. Besonders spürbar war das für mich bei den iranischen Frauen und in ihrer Nähe, wo sich in der Stille und in den Gesprächen etwas Verdichtetes, Ernstes, Erlebtes zeigte. Dort war die Sache selbst anwesend: das Wissen um Angst, Kontrolle, Entrechtung, Körperpolitik, Gehorsam, Überleben.

Weltweit leben inzwischen 676 Millionen Frauen und Mädchen in der Nähe bewaffneter Konflikte; das ist laut UN ein drastischer Anstieg gegenüber vor zehn Jahren. 2023 machten Frauen 40 Prozent der zivilen Kriegstoten in Konfliktzonen aus, mehr als doppelt so viel wie im Jahr davor; verifizierte konfliktbezogene sexualisierte Gewalt stieg um 50 Prozent. Gleichzeitig sterben in Konfliktländern täglich hunderte Frauen an Komplikationen rund um Schwangerschaft und Geburt, weil medizinische Versorgung wegbricht oder unerreichbar wird.  Wenn wir also über Frauenrechte sprechen, dürfen wir nicht so tun, als handle es sich nur um ein innenpolitisches Randthema westlicher Wohlstandsgesellschaften. Frauen bezahlen weltweit den Preis für Kriege, Regime, Fanatismen und Machtspiele, die immer noch überwiegend von Männern entfesselt, geführt und legitimiert werden. Ob im Iran, wo Frauen seit Jahren unter einem brutalen Regime um elementare Freiheit ringen, ob in Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine, ob in Gaza, im Sudan oder anderswo: Frauen tragen die Folgen von Vertreibung, Vergewaltigung, ökonomischem Zusammenbruch, Verlust, Alleinverantwortung und permanenter Unsicherheit oft in besonderer Schärfe.

Und auch darüber wird in Österreich viel zu selten in der nötigen Tiefe gesprochen: dass hier mittlerweile rund 94.100 ukrainische Staatsangehörige leben, mehr als 60 Prozent davon Frauen, fast ein Drittel unter 20 Jahre alt, und dass viele dieser Frauen nicht nur die Flucht, die Sorge um Angehörige und die Unsicherheit des Exils tragen, sondern zusätzlich das Leben ohne jene Männer an ihrer Seite, die in der Ukraine geblieben sind, weil sie ihr Land verteidigen müssen. Gleichzeitig zeigt sich eine enorme Kraft: Die Erwerbsbeteiligung ukrainischer Frauen in Österreich ist laut ÖIF von rund 10 Prozent im Jahr 2022 auf rund 48 Prozent im Jahr 2026 gestiegen.  Das sind keine Randnotizen. Das ist eine Wirklichkeit aus Verlust, Anpassung, Würde und täglicher Anstrengung.

Wenn ich also von alten, machtbesessenen Männern spreche, dann nicht als bloße Pose, sondern weil wir tatsächlich wieder in einer Zeit leben, in der autoritäre, nationalistische und kriegerische Männlichkeitsphantasien weltweit politischen Schaden anrichten. Namen dafür gibt es genug. Aber wichtiger als der Name ist die Struktur dahinter: die Verachtung für Schwäche, die Lust an Dominanz, die Geringschätzung von Freiheit, die Bereitschaft, andere für Größe, Nation, Ordnung, Religion oder historische Mission leiden zu lassen.

Es gab an diesem Tag auch schöne Begegnungen, kurze Gespräche, bekannte Gesichter, dieses Gefühl, dass viele engagierte Menschen aus Kultur, Zivilgesellschaft, Medien und Initiativen einander nicht zufällig immer wieder begegnen, weil sie an ähnlichen Punkten derselben brüchigen Welt arbeiten.

Ich konnte kurz mit der Bürgermeisterin Elke Kahr sprechen, traf Alice wieder, begegnete Engagierten aus anderen Zusammenhängen, auch Leuten aus dem Umfeld vom Rostfest und anderen Projekten. Und doch bleibt, wenn ich ehrlich bin, am Ende nicht zuerst die Prominenz, nicht das Nebengeräusch des Politischen, nicht das linke Ritual, nicht der choreografierte Sprechchor.

Am stärksten bleibt das Bild der vielen jungen Frauen, die da waren, und der vielen jungen Männer, die mit ihnen gingen, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Vielleicht, weil in diesem Bild etwas lag, das ich an der friedlichen Revolte liebe: nicht bloß Verneinung, sondern das Auftauchen eines Maßes, einer Würde, eines Satzes, den Menschen nicht zuerst sprechen, sondern verkörpern. Revolte beginnt bekanntlich dort, wo ein Mensch sagt: bis hierher und nicht weiter. Aber in ihrer besten Form sagt sie nie nur „Nein“. Sie sagt zugleich: Es gibt etwas, das geschützt werden muss. Ein Leben. Ein Körper. Eine Freiheit. Eine Unversehrtheit. Eine Stimme. Eine Zukunft. Und genau deshalb war diese Demonstration weit mehr als ein jährlicher Pflichttermin. Sie war, in ihrem besten Teil, ein sichtbares Beharren darauf, dass Frauen nicht länger die Kosten einer Welt tragen sollen, die von männlicher Gewalt, männlicher Eitelkeit und männlicher Machtgier immer wieder verwüstet wird.

Was daraus noch folgt, ist für mich zumindest, keine abstrakte Frage mehr. Es reicht nicht, einmal im Jahr mitzugehen, betroffen zu sein und sich danach wieder in den Alltag einzurichten. Es braucht mehr. Es braucht Männer, die untereinander klarer sprechen, früher eingreifen, nicht mehr aus falscher Loyalität schweigen, keine Drohungen kleinreden, keine Übergriffe relativieren, keine gekränkte Männlichkeit romantisieren. Es braucht Institutionen, die nicht nur reagieren, wenn Blut geflossen ist. Es braucht politische Priorität, Bildung, Prävention, Schutzräume, Finanzierung und eine Öffentlichkeit, die nicht erst hinschaut, wenn es wieder eine Tote gibt. Und es braucht vielleicht auch in kleinen, konkreten Projekten neue Wege.

Ich denke darüber nach, was wir im Rahmen von revaLoops tun können, natürlich nicht als moralische Selbstinszenierung, sondern als praktische Frage. Ob durch Kooperationen, Sichtbarkeit, Benefizformate, Unterstützung von Frauenprojekten, konkrete Hilfen oder kreative Formen der Solidarität. Noch ist das noch lang kein fertiger Plan. Aber der Gedanke ist da.

Und vielleicht beginnt auch hier jede ernsthafte Revolte ganz unspektakulär: indem man nach einem Tag auf der Straße nicht wieder zur Tagesordnung übergeht.

Danke fürs lesen,
chizzi

Quellen und weiterführende Informationen:

Statistik Austria (2022): Gewalt gegen Frauen – Prävalenzstudie Österreich.

European Union Agency for Fundamental Rights (FRA): Violence against women – EU-weite Studie.

UN Women (2023–2024): Women in conflict and war – global impact reports.

UN Women (2024): Global trends on women affected by armed conflict.

Austrian Federal Chancellery / Österreichischer Integrationsfonds (2026): Integration ukrainischer Vertriebener in Österreich.

UN Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (OCHA): Gendered impacts of armed conflicts worldwide.

https://www.unocha.org