Neulich las ich wieder einmal dieses eine Zitat, in dem Voltaire sinngemäß sagt, dass Zweifeln zwar unangenehm ist, Gewissheit aber absurd. Ich musste etwas schmunzeln, weil ich mir dachte: Eigentlich passt das besser auf die jetzige Debattenkultur als auf mich selbst. Ich zweifle gar nicht so viel.
Ich lebe lieber. Entscheide gerne. Gehe los. Falle vielleicht hin. Stehe auf. Mache weiter. Was mich viel mehr irritiert, ist dieses wachsende Heer der Gewissheitsbeauftragten, die genau wissen, wie alles zu funktionieren hat: Ernährung, Schlaf, Technik hier, Technik da, Gelassenheitsakrobatik, das richtige Schweigen, das richtige Fühlen, die korrekte Haltung beim Glücklichsein oder beim Glücklichwerden. Und natürlich gibt es zu allem ein Regelwerk. Ein Buch. Noch ein Buch. Einen Kurs. Ein Video. Am besten gleich fünfundzwanzig. Alles streng wissenschaftlich – selbstverständlich. Oder rein spirituell. Oder gar esoterisch. Je nach Bedarf.
Und ich sitze da und denke mir: Ist das noch wirklich Freiheit? Oder doch schon die höfliche Form der Selbstunterwerfung? Denn ich glaube nicht, dass das Lebensglück ein Zertifikat braucht. Ich glaube nicht, dass Wohlbefinden einer Norm folgt. Ich glaube, jeder Mensch hat ein eigenes Innenleben, das nach eigener Melodie tanzt. Und diese Welle muss man erst einmal finden, klar. Doch im Lehrbuch? In Millionen YouTube-Videos? Oder vielleicht doch eher in einer ehrlichen Begegnung mit sich selbst? Früher hieß es immer: Finde deinen Meister. Heute denke ich: Sei dein eigener Meister. Lerne von allen und allem, aber verbeuge dich vor niemandem, der dir dein Innerstes vorschreiben will.
Und dazu gehört Leichtigkeit, trotzdem Klarheit und Mut. Nicht der Mut der Schlagzeilen, sondern der stille, alltägliche Mut, sich nicht von Regelwerken erschlagen zu lassen. Auch dann nicht, wenn sie in sanften Wellnessfarben daherkommen. Denn wenn Freiheit etwas bedeutet, dann genau das: zu spüren, was einem entspricht – und das Leben danach auszurichten. Nicht ideologisch. Eben nicht dogmatisch. Sondern lebendig.
Denn so leben wir doch, mitten in den Jahren 2020 bis 2025, die vermutlich einmal eigene Geschichtsbände füllen werden, in dieser großartigen, komplizierten, manchmal nervtötenden, manchmal wunderbar zärtlichen Demokratie. Einer Demokratie, die uns erlaubt, Neues zu beginnen, umzudrehen, zu scheitern, neu zu beginnen, uns zu verirren und trotzdem immer wieder aufzustehen und weiterzugehen. Das sind eben keine Schwächen. Das – ist pures Leben. Das ist Improvisation. Das ist die Kunst, mit ein paar Akkorden seine Welt-Hits zu schreiben.
Und natürlich hat jeder Mensch, vor allem seit Corona, seine eigene Geschichte. Wie früher schon bei 9/11. Ich fand das immer enorm spannend: Fast jeder Mensch weiß, wie er den 11. September 2001 erlebt hat. Kein Datum hat so viele gemeinsame Geschichten. Aber diesmal, seit Corona, ist es kollektiv, global, auf einer Bühne ohne Vorhang. Ausnahmslos jeder Mensch kann etwas erzählen.
Wo er war. Was sie fühlte. Wie die Verwirrtheit roch. Wie die Hoffnung schmeckte. Wie beschissen alles war. Oder wie ruhig. Und mittendrin blieb etwas übrig, das ich ungeheuer wertvoll finde: Wir haben erlebt. Gemeinsam. Und wer erlebt, kann verstehen. Wer erinnert, kann verbinden. Wer verbunden ist, kann Mensch bleiben, oder könnte. Aus dieser Betrachtung heraus klingt es für mich nämlich völlig absurd, dass ausgerechnet diese Geschichten, die jeden Menschen betroffen haben, die uns allesamt Geschichten erleben ließen, die anscheinend größte Spaltung hervorgebracht haben.
Denn während wir diese Freiheit leben könnten – und, wenn wir mutig sind, auch sollten – passiert politisch etwas Verstörendes: Wir, die reichen, demokratischen Gesellschaften, leisten uns den Luxus, unsere Freiheitsrechte leichtfertig zu relativieren. Zugunsten von Bequemlichkeit. Aus Müdigkeit. Aus Angst. Und währenddessen kämpfen zum Beispiel Frauen im Iran, die Menschen in der Ukraine oder Menschen überall auf dieser Welt, unter Lebensgefahr für genau das, was wir gerade achtlos zum Fenster hinauswerfen. Das ist eben kein Theater mehr. Das ist ein sehr düsteres Schauspiel. Und eines, bei dem die wirklich falschen Figuren Applaus bekommen. Jeden Tag. Und das treibt mich wirklich jeden Tag um. Es ist das, was mich wirklich manchmal müde macht, und es bleibt diesbezüglich wirklich nicht einfach, im Vertrauen zu bleiben. Im eigenen schon – klar. Aber im Kollektiven? Bei so wenigen Widerständischen?
Ich frage mich: Wann genau haben wir begonnen, das zu vergessen? Wann genau haben wir Demokratie als Selbstverständlichkeit behandelt, statt als zärtliches, verletzliches Wesen, das täglich genährt werden will und muss? Wenn wir sie nicht leben, verteidigen, fühlen, dann dreht jemand an den Schrauben. Nicht sofort sichtbar. Aber kontinuierlich. Und irgendwann stellt man fest: Man ist kein Bürger mehr, man ist wieder Untertan. Die Beispiele auf der Welt sind zahlreich. Und da geht es bei weitem nicht mehr um teures Benzin, Parkplätze, Geschwindigkeits-begrenzungen oder darum, ob man jetzt gendern soll oder nicht.
Genau deshalb glaube ich an die Schönheit des Widerstands. An klare Positionierung. An klare und freche Sprache. An die Freiheit, nicht alles zu glauben, was behauptet wird, auch wenn es überzeugend klingt. Ich glaube lieber an Menschen, die wach und mit breitem Interesse die Dinge hinterfragen und zwischen schwarz oder weiß Farbe bekennen. Die verstehen, dass man sich zwar inspirieren lassen darf, aber niemals von irgendetwas verschlucken lassen sollte.
Und mittendrin: mein eigenes Leben. 2025. revaLoops. Eine Entscheidung, die man vernünftigerweise vielleicht besser gelassen hätte. Krisenzeit, volle Kanne, trotzdem alle Reserven rein – los. Einkommen? Kaum bis gar keines. Und doch: Ich habe nie zuvor etwas so Richtiges getan. Nicht, weil es sicher wäre. Eben nicht, weil es garantiert funktioniert hat oder funktionieren wird. Sondern weil es meinem innersten Gefühl entspricht. Weil es (mich) verbindet. Weil es trägt. Weil es ehrlich ist.
Und exakt dieses Gefühl möchte ich teilen. Wenn etwas in einem schon lange schlummert – tun. Jetzt beginnen. Das Buch endlich schreiben. Die Reise endlich buchen. Den langweiligen Job endlich kündigen. Das ewige Instandhalten und Herumstressen für Nichtigkeiten hinter sich lassen. Und helfen. Dort, wo es wirklich nötig ist. Das macht immer zufrieden.
So, ich erlaube mir eine Pause. Der Shop bleibt natürlich stets geöffnet. Wer möchte, dass revaLoops bestehen bleibt, kauft bitte etwas. Ohne dem können wir nicht bestehen. 42 Produkte sind bereits in unserem Shop und vieles, neues ist in Ausarbeitung.
Diesmal war es mir wichtig meine Gedanken zu teilen. Zu revaLoops und allem was bereits geschehen ist und hinzukommen wird, gibts bald einen weiteren Eintrag.
Alles Liebe – ausnahmslos ALLES LIEBE!
chizzi
